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Dienstag, 4. Mai 2010

Soziale Minenfelder

Es gibt ja so einige Sachen, da weiß man schon vorher, dass es unangenehm wird und anstrengend. Geburten zum Beispiel und Weisheitszahnoperationen, Fahrprüfungen, mit jemandem Schluss machen oder mündliche Vorträge in Mathe (wenn man in Mathematik so begabt ist wie ich). In diese Kategorie gehören eindeutig auch Einladungen zu Feiern. Dornröschen zum Beispiel musste immerhin 100 Jahre schlafen, weil sie die falschen Leute zu ihrer Taufe eingeladen hat.

Ich hoffe, es geht mir nun nicht gleich wie Dornröschen (obwohl, 100 Jahre schlafen klingt für mich eigentlich eher nach einer Belohung), aber der kleine Autofanatiker hat am Freitag Geburtstag und es kommt mir ein bisschen vor, als würde ich mit den Einladungen zu seiner Geburtstagsparty auf sozialen Minenfeldern tanzen.

Minenfeld Nummer 1 sind die anderen Kinder aus dem Kindergarten. Müssen wir nun alle Kinder einladen, wie einige der anderen Kinder oder zumindest alle Kinder, die uns eingeladen haben? Der kleine Autofanatiker war da überhaupt keine Hilfe. Wenn gefragt, wollte er entweder gar niemanden einladen oder nur seinen kleinen Bruder und nur manchmal einen Jungen aus dem Kindergarten, aber eigentlich änderte er seine Meinung aller fünf Minuten. Am Ende habe ich mich entschlossen (und nach Rücksprache mit allen Müttern in meiner Selbsthilfegruppe), die drei Jungs einzuladen, die in seinem Alter sind und mit denen er sich angefreundet zu haben scheint. Die Mädchen, die den kleinen Autofanatiker eingeladen hatten, habe ich nicht eingeladen, weil er nun so gar nicht mit ihnen befreundet zu sein scheint. Und riskiere damit wahrscheinlich ewige Verdammnis in der Kindergartenschlange. Aber das soll es mir wert sein, auch wenn ich mich in Zukunft eventuell nur noch mit Sonnenbrille und Kopfverhüllung vor den Kindergarten traue.

Brisante Einladung Nummer 2, die einiges Nachdenken erforderte, sind unsere Nachbarn. Wie bereits berichtet, wohnt im Haus nebenan ein kleines Mädchen im gleichen Alter. Sollten wir sie einladen? Immerhin gehen beide ab September zusammen in die Schule. Wo ist denn da das Problem, höre ich euch fragen? Das Problem ist, dass sie zwei Wochen vorher Geburtstag hat und wir keine Einladung zu ihrem Geburtstag bekommen hatten. Wenn wir sie nun aber nun einladen würden, würden sie sich dann gezwungen gefühlen, uns auch einzuladen? Eine solchermaßen erzwungene Einladung wollte ich eigentlich nicht, aber der kleine Autofanatiker wollte sie gern einladen. Aber hier ging eigentlich alles gut aus: zwar luden wir sie ein und zwar bekamen wir am nächsten Tag wie erwartet eine Gegeneinladung, aber da wir im Urlaub waren, konnten wir mit gutem Gewissen absagen.

Und so ist das mit unserer ganz alltäglichen Politik unter Müttern und den Fettnäpfchen, denen ich auszuweichen versuche. Nächste Woche werde ich berichten, ob es sich gelohnt hat.

Dienstag, 2. Februar 2010

Josh und die Haare

Der kleine Autofanatiker hat seit Neuestem einen besten Freund im Kindergarten: Josh. Also hier nur mal so unter uns, eigentlich darf ich ja gar nicht Josh sagen. "Nur ich darf Josh sagen, du musst Joshua sagen."

Jeden Tag nach dem Kindergarten höre ich neue Geschichten von Josh. Josh muss wohl ein ganz toller Kerl sein.

Ich kann Josh gut leiden. Eigentlich kenne ich Josh gar nicht weiter, aber ich weiß, dass er kurze Haare hat. Im Gegensatz zum kleinen Autofanatiker. Der hat lange Haare und weigert sich, zum Friseur zu gehen. "Mama, du machst das." Jetzt hat er lange und auch noch verschnittene Haare.

Aber seitdem der kleine Autofanatiker Josh bewundert, will er auch kurze Haare haben. Zum Friseur will er deshalb zwar immer noch nicht, aber immerhin darf ich ihm nun mit der Haarschneidemaschine - ein gruseliges Ding, das noch gruseligere Geräusche von sich gibt - die Haare schneiden. Während des Haare-schneidens vergaß er immer mal wieder, dass er ja eigentlich so kurze Haare wollte wie Josh und ich musste ihn dann erinnern. Mit Erfolg. Jetzt hat er zumindest hinten schön geschnittene Haare. Vorn habe ich mich noch nicht getraut. Vielleicht frage ich da lieber erst noch mal die Mama vom Josh, wie sie das so macht.

Und ich überlege schon, was der Josh wohl noch alles so gern macht. Bestimmt geht er sehr gern schwimmen. Das getraut sich nämlich mein kleiner Angsthase nicht, aber vielleicht klappt's ja, wenn der Josh sich das getraut. Außerdem hat der Josh einen Hund. Das weiß ich, weil der eines Tages mit in den Kindergarten kam. Das war allerdings noch vor dem Beginn der Freundschaft. Der kleine Autofanatiker fand das doof, weil er Hunde doof findet, aber vielleicht ändert sich das ja jetzt auch und er fängt nicht mehr jedes Mal an zu schreien, wenn wir einem Hund auf der Straße begegnen.

Da tun sich ganz neue Möglichkeiten auf. Josh ist ja sogar noch besser als der Weihnachtsmann, so als Überzeugungsmittel.

Jetzt muss ich aber erst mal die Haare wegsaugen. Bevor das Baby versucht, sie zu essen. Wie der Hund vom Josh.

Dienstag, 10. November 2009

Frühlings...äh Herbstgefühle

Ich muss ein Geständnis machen. Ich bin ein bißchen verliebt. In eine Frau. Jaha. So ist das. Na gut, also ich meine jetzt kein Liebesdrama-Verliebtsein sondern dieses angenehme warme Gefühl im Bauch, dass man immer hat, wenn man ganz selbstlos eine gute Tat tut oder wenn man eben einen netten Menschen trifft. So wie ich, jedes Mal wenn ich den kleinen Autofanatiker in den Kindergarten bringe. Denn da steht die gute Mrs und beschenkt uns mit dem größten und wärmsten Lächeln, das man sich vorstellen kann. "Good morning" sagt sie und man glaubt ihr, dass sie es so meint. Ja, und da habe ich dann dieses warme Kribbeln im Bauch.
Aber ich bin nicht allein. Wir alle in der Familie sind dem Mrs-Zauber verfallen.
"Ach lass nur Schatz, ich gehe schon den kleinen Autofanatiker aus dem Kindergarten abholen." höre ich den großen Autofanatiker rufen.
"Meine Lieblingsfarbe ist schwarz", erzählt mir der kleine Autofanatiker. "Die Lieblingsfarbe von der Mrs ist auch schwarz", fügt er hinzu.
Und selbst das Baby lächelt nie so charmant, wie wenn wir im Kindergarten ankommen und schreit laut, wenn wir den Kindergarten wieder verlassen.
Neulich hatte der kleine Autofanatiker neue Schuhe bekommen. Die erste Frage, die beide Eltern ihm nach dem ersten Tag im Kindergarten damit stellten, war nicht etwa "Sind sie bequem so den ganzen Tag?" Nein, die erste Frage, die wir beide unabhängig voneinander stellten war "Und wie haben der Mrs deine neuen Schuhe gefallen?" Die Antwort war übrigens "Sehr gut.".
Im nächsten September fängt der kleine Autofanatiker ja schon mit der Schule an. Ich bezweifle, dass die Lehrerinnen da auch so sind. Aber bis dahin ist ja dann das Baby zum Glück schon fast im Kindergartenalter. Nicht dass wir Entzugserscheinungen bekommen.

Dienstag, 8. September 2009

Die Hyänen sind wieder da

Gestern war der erste Tag im Kindergarten nach den Sommerferien. Fröhlich machten wir uns auf den Weg. Der kleine Autofanatiker war fröhlich, weil er wieder in den Kindergarten durfte. Ich war fröhlich, weil ich mal wieder ein paar Stunden mit dem Baby allein hatte und weil der kleine Autofanatiker fröhlich war, denn nach so einer langen Pause, hätte ich schon fast ein paar Tränen erwartet. Dass er so freudestrahlend wieder in den Kindergarten lief, fand ich auch eigentlich fast gar nicht beleidigend.
Meine Fröhlichkeit erhielt den ersten Dämpfer als ich vor dem Kindergarten als erstes the bitch sah. Sie war in ein Gespräch mit zwei anderen Müttern vertieft. Beim Näherkommen bemerkte ich, dass eines der Kinder eine Karte an sich hatte. Eine Karte????? Und ein anderes Kind hatte lauter kleine Muffins in einem Korb in der Hand. Selbstgebacken selbstverständlich. Ich gab meinem Drang, schreiend wegzulaufen, nicht nach und konnte daher nicht umhin, das Gespräch mitanzuhören. Dabei stellte sich heraus, dass die dritte Mutter, deren Kind weder Karte noch Muffins hatte, die Mrs Kindergärtnerin in den Ferien zu einer Show mit Jonathan Ross (ungefähr der englischen Entsprechung von Harald Schmidt) eingeladen hatte! Wie bitte??
Die daraufhin ertönenden "WürgÄtz"-Geräusche aus meiner Richtung wurden von der kleinen Gruppe ignoriert. Überhaupt ist die Hyäninnen-Gruppe sehr gut im gezielten Ignorieren. Mir ist nur noch nicht ganz klar, ob das ein allgemeines Ignorieren niederer Menschen ist oder ob sie mich speziell ignorieren. Oder aber vielleicht haben sie ja etwas gegen meine Nationalität. Schließlich ging es hier erst diese Woche durch die gesamte Presse, dass der Immigranten-Babyboom den britischen Steuerzahler 1 Milliarde Pfund kostet. Mit zwei nur halb-britischen Kindern bin ich daran selbstverständlich nicht ganz unschuldig. Ob ich mich bei ihnen entschuldigen sollte? Stellvertretend für alle Immigranteneltern an alle Briten?
Vielleicht beim nächsten Mal. Heute waren nämlich erst mal wieder die Väter in der Kindergartenschlange. Wie wohltuend direkt und sachlich.

Mittwoch, 24. Juni 2009

Kindergartenschlangen, Vaeter und Finanzkrisen

Es ist allgemein bekannt, dass Englaender Schlange stehen. Gern Schlange stehen. Bevor ich nach England kam, dachte ich, die Schlange an der Bushaltestelle sei nur ein Witz den Auslaender erfunden hatten. Aber da irrte ich mich. Ganz ordentlich geht es an den Bushaltestellen zu (zumindest an denen ausserhalb Londons).
So ordentlich geht es auch an der Schlange am Kindergarten zu. Mittags um 12 Uhr hole ich den kleinen Autofanatiker aus dem Kindergarten ab. Auch alle anderen Muetter und Nannies holen ihre Kinder um 12 Uhr aus dem Kindergarten ab und stellen sich ganz huebsch und ordentlich einer hinter der anderen an. Die Gespraeche drehen sich um die eigenen Kinder, fremde Kinder, den Kindergarten, Schulwartezeiten und natuerlich das Wetter.
Doch seit einiger Zeit hat sich etwas an der Schlange geaendert: es sind Maenner zu sehen. Erst wurde nur ein einzelner Vater gesichtet, der sich unter den ganzen Frauen sichtlich unwohl fuehlte. Ein paar Tage spaeter waren es schon zwei und neulich war ich fast die einzige Mutter, die ihr Kind noch selbst abholte. Ploetzlich drehten sich die Gespraeche nicht mehr um Kinder und Schulen sondern um Autos, Fussball und noch mehr Autos.
Und waehrend ich so vereinsamt in der Schlange stand und weder zum Thema Fussball noch zum Thema Autos etwas beitragen konnte, sinnierte ich darueber, dass die Finanzkrise, die die ganzen Vaeter nun nach Hause geschickt hatte, das erreicht hat, was Frau von der Leyen mit ihrem Erziehungsgeld fuer daheimbleibende Vaeter erreichen wollte. Familienpolitik auf Englisch. Gibt es fuer neugebackene Vaeter hier nach der Geburt nur zwei Wochen frei, so schafft die Finanzkrise ganz neue Perspektiven fuer Papa. Mehr und mehr Frauen finden sich ploetzlich in der Rolle der Alleinverdiener in der Familie, waehrend die Vaeter nun Zeit fuer ihre Sproesslinge haben. Ist die Finanzkrise und damit verbundene hohe Arbeitslosigkeit hier in England also die Antwort auf das oft beklagte Problem des ueberproportionalen weiblichen Einflusses auf Kinder in den ersten Lebensjahren? Im Moment scheint es so. Aber ich hoffe nicht fuer lange, denn die Fussballgespraeche in der Kindergartenschlange langweilen mich!